Band 1, Kritik, Zsfg
Karl Popper widmet den gesamten ersten Band seines Werkes "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" (der bezeichnenderweise den Untertitel "Der Zauber Platons" trägt) der Kritik an Platon. Er hält es für zwingend notwendig, Platon aufs Schärfste zu kritisieren, da dieser als einer der größten geistigen Führer der Vergangenheit den Angriff auf Freiheit und Vernunft maßgeblich unterstützt habe.
Die Kritik zieht sich systematisch durch die einzelnen Kapitel des ersten Bandes und richtet sich gegen verschiedene Aspekte von Platons Philosophie:
- **Kapitel 3 (Platons Ideenlehre):** Popper greift Platons "Historizismus" und seinen "methodologischen Essentialismus" an. Er erklärt ausdrücklich, dass es sein Ziel sei, **die totalitäre Tendenz in Platons politischer Philosophie zu analysieren und zu zerstören**.
- **Kapitel 4 (Ruhe und Veränderung):** Popper kritisiert Platons Soziologie, insbesondere seine **leidenschaftliche Feindschaft gegenüber der athenischen Demokratie**, die Platon ungerechtfertigt parodiere. Zudem verurteilt Popper, dass Platons idealer Staat ein starrer **Kastenstaat** ist, der auf der Unterdrückung der Massen und der **Befürwortung der Sklaverei** beruht.
- **Kapitel 5 (Natur und Konvention):** Hier wendet sich Popper gegen Platons "biologischen Naturalismus" und seinen **Holismus bzw. Kollektivismus**. Er kritisiert die Auffassung, dass der Staat ein "Superorganismus" sei, dem sich das Individuum völlig unterzuordnen habe ("Du bist um des Ganzen willen geboren").
- **Kapitel 6 (Die totalitäre Gerechtigkeit):** Dies ist einer der zentralen Kritikpunkte. Popper argumentiert, dass Platons Gerechtigkeitsbegriff **rein totalitär und antihumanitär** sei. Platon nenne es "Gerechtigkeit", wenn eine strenge Klassentrennung aufrechterhalten wird, das heißt, wenn **"der Herrscher herrscht, der Arbeiter arbeitet und der Sklave front"**. Er habe das Wort Gerechtigkeit propagandistisch verdreht, um das Prinzip der Gleichberechtigung zu bekämpfen.
- **Kapitel 7 (Das Prinzip des Führertums):** Popper kritisiert, dass Platon die falsche Grundfrage der Politik stellt ("Wer soll herrschen?"), anstatt zu fragen, wie man Institutionen so organisiert, dass Herrscher keinen Schaden anrichten können. Dies führe zu einer gefährlichen **Theorie der unkontrollierten Souveränität** und zu einem autoritären Erziehungssystem.
- **Kapitel 8 (Der königliche Philosoph):** Popper entlarvt das Ideal des Philosophenkönigs. Er wirft Platon vor, seinen Herrschern das Vorrecht einzuräumen, **Propagandalügen und Täuschungen ("die großartige Lüge")** zur Kontrolle des Volkes einzusetzen. Außerdem zeige dieses Kapitel, dass der Herrscher bei Platon ein "philosophischer Züchter" sei, der einen **Rassenmythos und mathematische Eugenik (die Züchtung einer Herrenrasse)** anwende.
- **Kapitel 9 (Ästhetizismus, Perfektionismus, Utopismus):** Platon wird für seine **"utopische Sozialtechnik"** und seinen kompromisslosen Radikalismus angegriffen. Popper verurteilt Platons ästhetische Methode des "Leinwandreinigens", die fordert, die bestehende Gesellschaft radikal auszulöschen (durch Deportation oder Tötung), um bei Null anzufangen.
- **Kapitel 10 (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde):** Popper erhebt den schweren Vorwurf, Platon habe **seinen Lehrer Sokrates verraten**. Während Sokrates für die intellektuelle Ehrlichkeit und die offene Gesellschaft gestorben sei, habe Platon dessen Lehren ins Gegenteil verkehrt, um seinen eigenen Aufstand gegen die Freiheit und seine Sehnsucht nach der geschlossenen Stammesgesellschaft zu rechtfertigen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Popper Platon im gesamten Buch als den geistigen Vater und intellektuellen Wegbereiter des modernen Totalitarismus kritisiert, der die Ideen der Freiheit und Gleichheit zugunsten einer autoritären Herrschaft der "Besten" opferte.